130 Jahre Ausländische Arbeitskräfte

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15.07.2026 Vom "Gastarbeiter" zur multi-ethnischen Belegschaft

Während Badener und Schwaben jahrzehntelang den Großteil der Beschäftigten bei Daimler und Benz stellten, arbeiteten ab den 1960er Jahren immer mehr ausländische Arbeitskräfte im Unternehmen.

Vom Schreiner aus Ankara zum Brückenbauer in Stuttgart

Bis in die späten 1940er Jahre stellten Fachkräfte aus Baden und Schwaben den größten Teil der Belegschaft der Daimler-Benz AG. Sie wurden aus dem Umfeld der Stammwerke in Mannheim bei Benz & Cie sowie bei der Daimler Motorengesellschaft (DMG) in Untertürkheim angeworben.

In der Boomphase nach der Währungsreform konnten die Werke ihren Bedarf aus dem Reservoir der näheren Umgebung nicht mehr decken. Zunächst half der Zuzug vieler Vertriebener, die vor allem in Untertürkheim und Sindelfingen eingestellt wurden. Im Jahr 1955 stellten sie 16 Prozent der Belegschaft der Daimler-Benz AG.

Weil dies nicht ausreichte, heuerte die deutsche Industrie in den frühen 1960er Jahren mit finanzieller Hilfe des Arbeitsministeriums in großer Zahl ausländische Arbeitskräfte an. Auch die Daimler-Benz AG beteiligte sich früh an der Anwerbung sogenannter "Gastarbeiter". Die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte betrug 1963 insgesamt 3.538. Sie stieg bis 1972 auf 25.858, was fast einem Drittel der Gesamtbelegschaft entsprach.

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Die wichtigsten Herkunftsländer waren zunächst Italien, Griechenland, Spanien, die Türkei und Jugoslawien. "Mein Opa ist 1964 durch Anwerbung der deutschen Botschaft in Ankara nach Stuttgart gekommen. Die haben Handwerker gesucht und mein Opa war Schreiner und Fensterbauer. Er hat dann jahrelang auf dem Bau gearbeitet und war an einigen Brücken rund um Stuttgart beteiligt", sagt Ercan Demirci, Betriebsrat im Betrieb Stuttgart.

Zwischen Wohnheim und Heimatreise:

Die Lebensverhältnisse der meisten ausländischen Arbeitskräfte waren sicherlich erheblich schwieriger als diejenigen ihrer deutschen Kolleginnen und Kollegen. Meist von ihren Familien getrennt, waren sie häufig in zwar sauberen, aber äußerst anspruchslosen Übergangsunterkünften, oft in Zwei- oder Vierbettzimmern, untergebracht. 1971 wohnten in 45 Wohnheimen etwas über 7000 ausländische Mitarbeiter, ehe diese Zahl dann kontinuierlich zurückging und sich die ehemaligen "Gastarbeiter" zusammen mit ihren Familien eigene Wohnungen suchten.

Ercan Demirci

"Auch mein Opa war die ersten Jahre ohne Familie. Später kamen noch sein Bruder, mein Onkel und mit 15 Jahren auch mein Vater. Die haben in einem Wohnheim zu zweit oder dritt gewohnt und mussten sich Toiletten und Duschen mit anderen teilen. Es herrschte aber eine schöne Atmosphäre. Alle haben sich geholfen", weiß Ercan Demirci aus Erzählungen.

Per Post habe sein Opa immer Geld nach Hause geschickt. Seine Mutter sei erst 1974 nach Deutschland gekommen. "Wir sind dann jeden Sommer für sieben Wochen nach Hause in die Türkei gefahren. Zum Glück haben wir immer eine Woche Zusatzurlaub von der Schule bekommen. Wir waren zu sechst in einem Opel Kadett und sind fünf Tage gefahren, denn eine Autobahn bis in die Türkei gab es damals noch nicht. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen."

In den 1970er Jahren fing der erste Verwandte von Demirci beim Daimler in Sindelfingen an. Später wurden es immer mehr. Er selbst ist seit 1994 im Unternehmen. Angefangen hat er als Auszubildender für Industriemechanik in der Motorenentwicklung Untertürkheim/Brühl. Später hat er sich zum Maschinenbautechniker weiterentwickelt. Schon von Anfang an ist er Mitglied der IG Metall: "Schon mein Vater war in der Gewerkschaft. Er hat immer gesagt, dass das wichtig ist für die Arbeiter." Ab 2001 war Ercan Demirci Vertrauensmann der IG Metall, seit 2022 ist er Betriebsrat im Betrieb Stuttgart bei Daimler Truck.

Wie Einwanderung und Gewerkschaft zusammenfanden

Die IG Metall hat sich von Anfang an für die Rechte der Migranten eingesetzt. Forderungen nach einem gesicherten Aufenthaltsrecht und einem Einbürgerungsangebot sowie nach einem zumindest kommunalen Wahlrecht sind von der IG Metall immer wieder auf die politische Tagesordnung gesetzt worden. Zweifellos haben auch Arbeitskämpfe, an denen ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen von Anfang an aktiv beteiligt waren, viel zur Solidarität zwischen deutschen und ausländischen Beschäftigten beigetragen. Ende der 80er Jahre gehörten zum Stuttgarter Bezirk der IG Metall nicht weniger als 100.000 ausländische Mitglieder. Zum Jahresende 1989 stellten sie knapp 18 Prozent der Mitgliedschaft im Bezirk. Fern der Heimat

Blickt Demirci zurück auf seine Familie und die Einwanderung nach Deutschland, zieht er ein positives Fazit: "Am Anfang war es natürlich schwer für meinen Opa und die anderen. Weit weg von der Familie und es gab auch keine Unterstützung beim Erlernen der Sprache. Alle dachten ja, dass die Gastarbeiter wieder zurückgehen in ihr Heimatland. Wir haben uns aber gut eingelebt und auch keine großen Schwierigkeiten mit den Deutschen gehabt. Letztendlich haben alle Seiten profitiert: Wir als Familie, die Unternehmen und auch die Türkei, weil durch die Arbeiter ja viel Geld aus Deutschland da hingeflossen ist, und noch immer fließt. Und wahrscheinlich ist die Türkei durch die Gastarbeiter auch als Urlaubsland populärer geworden."

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Zeitstrahl - 130 Jahre aus Sicht der Beschäftigten

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Letzte Änderung: 08.07.2026